Einführungstext Fotojournalismus

Wenn wir uns zeitgenössische journalistische Medien, egal ob in gedruckter oder digitaler Foram anschauen, so sind dort Bilder allgegenwärtig. Aber Vorsicht: Nicht alle Bilder die in journalistischen Medien zu finden sind, kann man automatisch dem Fotojournalismus zurechnen. In journalistische Medien finden eine Vielzahl von Bildern einzug. Neben denen aus fotojournalistischer Produktion – um die es hier geht – gehören dazu Public-Relation Bilder, Stock Fotografie sowie Werbung.

Grundsätzlich hat der Begriff des Fotojournalismus zwei Orientierungen oder Wurzeln. Auf der einen Seiten findet sich die Fotografie, auf der anderen Seite der Journalismus. Leitet man den Fotojournalismus aus der Fotografie als übergeordnetem Begriff ab, so ist der Fotojournalismus eine ausdifferenzier-te Spielart des fotografischen Mediums, der sich von anderen Spielarten wie der Werbefotografie, der künstlerischen Fotografie oder der Amateurfotografie unterscheidet. Ähnlich ist es in Bezug auf die Herleitung des Fotojournalismus aus dem Journalismus. Hier gibt es ebenfalls eine Ausdifferenzierung und der Fotojournalismus ist hier eine Unterform des Bildjournalismus, der sich wiederum vom Text oder Radio-/Audiojournalismus abgrenzt (Siehe Schaubild Seite 17).

Wenn man von der Fotografie spricht, ist es grundsätzlich wichtig, zwei Dinge zu unterscheiden, die im Deutschen beide mit dem gleichen Begriff beschrieben werden. So kann mit der Fotografie zum einen der materielle Abzug, also das vom analogen oder digitalen Negativ hergestellte Positiv bezeichnet werden, zum anderen aber auch die Fotografie als Kulturtechnik, also als ein Phänomen, mit dem bestimmte technische Apparaturen verbunden sind und das bestimmte soziale Praktiken herausgebildet hat. Wenn ich im Folgenden von der Fotografie spreche, dann beziehe ich mich vor allem auf Letzteres.

Diese Zweideutigkeit des Begriffs der Fotografie hat auch in der Diskussion des Fotojournalismus eine zentrale Bedeutung. Ich nutze dies insofern, eine Unterscheidung zwischen zwei Ebenen einzuführen: der Akteurs- und der Bild-Ebene (Siehe Schaubilder Seite 20/21). Bei der Akteurs-Ebene geht es um die unterschiedlichen Interaktionen und sozialen Gebrauchsweisen ganz verschiedener Akteure, die alle Teil des fotografischen Prozesses sind. Die Bild-Ebene hingegen beschreibt das, was die Fotografie als materielles Produkt darstellt. Zwischen beiden findet sich die Fototechnik oder die Apparatur, die erst ermöglicht, dass so etwas wie ein materielles Bild entsteht und die – sofern es um Fotojournalismus geht – von Menschen gesteuert wird.

Eine weitere Differenzierung ist hinsichtlich des Prozesses der Bildkommunikation zu treffen. Hier sind die drei zentralen Bereiche die Produktion, die Distribution und die Publikation (Siehe Schaubilder Seite 20/21). Vor allem in Bezug auf den Fotojournalismus ist diese Unterscheidung wichtig, da in diese Bereiche jeweils unterschiedliche Akteure involviert sind. Der eigentliche fotografische Akt – also das Aufeinandertreffen fotografischer Subjekte mit einem Fotografen – findet im Moment der Produktion statt. Hier spielt der Fotoreporter die wichtigste Rolle. Nach den Standesregeln des Fotojournalismus darf der Bildinhalt ab diesem Punkt nicht mehr verändert werden. Der Moment der Distribution beschreibt die Vermarktung der Fotografie als materielles Produkt und Abbild. Das Bild wird hier zu einer Ware, an deren Zirkulation unterschiedliche Akteure wie Agenturen und Bildredakteure teilhaben. Bezogen auf die publizistische Fotografie ist die Publikation der entscheidende Moment, an dem eine Fotografie einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird. Die Entscheidungsprozesse darüber, wann und wo welches Bild veröffentlicht wird, finden oft ausserhalb der Reichweite der Produzenten statt.

Der Fotojournalismus ist des Weiteren dahingehend auszu-differenzieren, als dass er zwei zentrale Arbeitsfelder hat: die Dokumentar- und die Nachrichtenfotografie. Beide unterscheiden sich vor allem in Bezug auf die involvierten Akteure und Prozesse hinsichtlich der Produktion, Distribution und Publikation (Siehe Schaubilder Seite 20/21). Grundsätzlich versteht man unter der Nachrichtenfotografie die tagesaktuelle an Ereignissen orientierte Fotografie, die hauptsächlich von den Bilderdiensten der internationalen Nachrichtenagenturen dominiert wird und als Output vor allem Nachrichtenbilder produziert. Die Dokumentarfotografie hingegen ist eher Themen- und Prozessorientiert und findet sich vor allem in Form von Reportagen. 

Schaut man sich das Berufsfeld ausgehend von den involvier-ten Akteuren genauer an, so kristallisieren sich verschiedene Berufs- und Arbeitsrollen heraus. Die beiden wichtigsten Berufsrollen sind Fotoreporter sowie Bildredakteure. Deren Aktivitäten lassen sich vor allem ausgehend vom Prozess der Bildkommunikation unterscheiden. Während der Fotoreporter vor allem in der Produktion tätig ist, liegen die Aufgaben der Bildredakteure in der Bildauswahl bei der Distribution und der Publikation. Darüber hinaus diversifizieren sich die Berufsrollen jedoch weiter in spezifische Arbeitsrollen (Siehe Schaubild Seite 18). Damit werden sowohl spezifische Beschäftigungsverhältnisse als auch unterschiedliche Aufgabenbereiche umschrieben. So sind Fotoreporter als Freelancer, Stringer, Staffer oder Chief Photographer tätig, womit jeweils unterschiedliche Einbindungen in redaktionelle Gefüge verbunden sind. Bildredakteure können ebenfalls verschiedene Arbeitsrollen übernehmen, von Archivar über Redakteur hin zu Chef vom Dienst oder Art Director.  

Als ausdifferenziertes Berufsfeld verfügt der Fotojournalismus über eigene Routinen und Praktiken, die sich in der über 100-jährigen Geschichte des Mediums herausgebildet haben. Dies impliziert eigene Erzählformate (Bildnachricht, Feature, Reportage) ebenso wie festgelegte Arbeitsabläufe. Zum Berufsfeld gehören auch eigene Institutionen wie z.B. Bildagenturen und Fotografen-Kollektive, die sich nur für dieses Feld gebildet haben. Fotografen, die im Fotojournalismus tätig werden wollen, erlernen die dort geltenden Regelwerke entweder über ein Studium und eine Ausbildung oder über die Tätigkeit im Feld, was einer beruflichen Sozialisation „on the job“ gleichkommt. 

Die Regelwerke hinsichtlich ethischer und berufspraktischer Fragestellungen sind eng an die journalistischen Standards geknüpft. Während im Textjournalismus Objektivität die zentrale Refenzgröße darstellt, so ist es im Fotojournalismus die Authentizität, die eng mit der Funktion als Augenzeuge verbunden ist. Authentizität gilt dabei nicht als eine der Fotografie inhärente Eigenschaft, sondern als ein Bündel von Konstruktionsprinzipien die zum Ziel haben, ein möglichst „natürliches“ Abbild der Realität zu schaffen. Wichtige Rahmenbedingungen werden des weiteren von den Pressegesetzen sowie Gesetzestexten, die Aussagen über Bildrechte enthalten, wie dem Kunsturheberrechtsgesetz, geschaffen. 

Die zentrale gesellschaftliche Aufgabe des Fotojournalismus ist es, den Lesern visuelle Informationen zur Verfügung zu stellen um damit letztlich über die kritische Begleitung von Ereignissen und Themen zur Meinungsbildung beizutragen. Dabei ist der Fotojournalismus aufs Engste in publizistische Medien eingebunden und vor allem mit verschiedenen Textformaten verwoben. Auch wenn gerne davon gesprochen wird, das Bilder mehr als 1000 Worte sagen, so sind sie doch entscheidend auf Text – z.B. in Form einer Bildunterschrift – angewiesen, um die im Bild gezeigten Informationen kontextualisieren zu können.